Irgendwann im Sommer 2026 stiegen zwei Männer auf einen unscheinbaren Grat hoch über dem Obersulzbachtal im Pinzgau. Gerd Frühwirth, Vorsitzender der Alpenvereinssektion Salzburg, und sein Vorgänger Roland Kals hatten keine Seilschaft im Gepäck, sondern Werkzeug. Sie montierten ein Gipfelschild ab — und mit ihm einen Namen, der seit 1988 in Karten und Topoführern stand: Pillewizer.
Was wie eine bürokratische Kleinigkeit klingt, hat eine lange historische Vorgeschichte. Der Berg verliert dabei nicht nur seinen Namen, sondern auch seinen Status als Dreitausender — und das aus einem Grund, der selbst Bergsteiger überrascht dürften.
Wer war Wolfgang Pillewizer — und warum trug ein Berg in der Venedigergruppe seinen Namen?
Wolfgang Pillewizer war Glaziologe, Kartograph und Geograph. Bereits während seines Studiums in Graz trat er dem Österreichischen Alpenverein bei. Ab 1936 arbeitete er in der Alpenvereinskartographie, spezialisierte er sich auf Hochgebirgskartographie und Gletscherforschung. Die Venedigergruppe war dabei ein zentrales Arbeitsgebiet.
Über Jahrzehnte wurde Pillewizer für diese wissenschaftlichen Leistungen geehrt. Seine Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus blieb dabei weitgehend im Hintergrund. Erst spätere historische Recherchen rückten diesen Teil seiner Biografie ins Zentrum — und lösten die Debatte aus, die nun zum Entfernen des Gipfelschilds geführt hat.
Steine auf den Gipfel: Wie der „Pillewizer” 1988 zum 3.000er gemacht wurde
Die Umbenennung aus dem Jahr 1988 war selbst eine ungewöhnliche Aktion. Die bis dahin namenlose Graterhebung im Pinzgauer Teil der Hohen Tauern lag knapp unterhalb der symbolischen Dreitausendergrenze. Um die Ehrung zu vervollständigen, schleppten Bergsteiger damals eigenhändig Steine auf den höchsten Punkt — eine Art alpines Fundament für einen Namen, dem die Natur nicht ganz gewachsen war.
So wurde aus einer namenlosen Erhebung in weniger als einem Sommertag ein offizieller 3.000er mit Gipfelschild. Dieser Eingriff in die Topographie war damals nicht unüblich, hat aber nun unmittelbare Konsequenzen für die aktuelle Entscheidung.
Was der Österreichische Alpenverein Salzburg jetzt konkret getan hat
Die Alpenvereinssektion Salzburg setzte sich für die Streichung des Namens ein und setzte diese auch in die Tat um. Bei der jüngsten Begehung wurden zwei Maßnahmen durchgeführt:
- Das Gipfelschild mit dem Namen „Pillewizer” wurde abmontiert.
- Die 1988 künstlich aufgeschichteten Steine am höchsten Punkt wurden symbolisch abgetragen.
Mit der Entfernung der künstlichen Aufschüttung fällt der Gipfel nun auch rechnerisch unter die 3.000-Meter-Marke. Er wird künftig nicht mehr als Dreitausender geführt. Einen neuen Namen erhält die Erhebung vorerst nicht — sie bleibt namenlos, bis eine andere Lösung gefunden wird.
„Ein Gipfelschild abnehmen”: Was Frühwirth zur Entscheidung sagt
„Manchmal erzählt ein kleines Gipfelschild eine erstaunlich große Geschichte. Indem wir das Schild abnehmen, distanziert sich der Alpenverein von einer personenbezogenen Ehrung, die nicht mit unserer Haltung für eine offene, inklusive Gesellschaft übereinstimmt”, sagte Gerd Frühwirth, Vorsitzender der Alpenvereinssektion Salzburg, zur Entscheidung.
Auch ein anderer Standpunkt begleitete die Aktion auf dem Grat. „Ein Berg muss weder größer gemacht noch mit einem großen Namen versehen werden, um Bedeutung zu haben. Sein Wert liegt nicht in einer runden Zahl oder in einer Gedenktafel, sondern in seiner Natur, seiner Geschichte und in unserer Begegnung mit ihm”, erklärte Slupetzky, der die Begehung begleitete.
Kein Name, kein 3.000er: Was das für Bergsteiger und Karten bedeutet
Für alle, die die Erhebung bereits in ihrer Tourenliste führen oder in Zukunft planen: Der bisherige Name „Pillewizer” wird in offiziellen Verzeichnissen des Österreichischen Alpenvereins nicht mehr aufscheinen. Der Gipfel verliert damit auch seinen Dreitausender-Status — jene magische Marke, die viele Bergsteiger als persönliches Ziel anstreben.
Die Venedigergruppe zählt zu den bedeutendsten Gebirgsgruppen der Hohen Tauern und umfasst zahlreiche echte Dreitausender, darunter den Großvenediger mit 3.657 Metern. Der nun umbenannte Gipfel liegt hoch über dem Obersulzbachtal im Pinzgauer Bezirk Salzburgs — einer Region, die für ihre Gletscherlandschaften und anspruchsvollen Touren bekannt ist.
Wie der Alpenverein mit NS-belasteten Namen in den Alpen umgeht
Der Fall des „Pillewizers” ist kein Einzelfall. Der Österreichische Alpenverein (ÖAV) betreibt seit Jahren eine systematische Aufarbeitung historisch belasteter Bezeichnungen im Alpinismus — von Hüttennamen bis hin zu Gipfelbezeichnungen. Dabei greift er auf historische Gutachten zurück und arbeitet mit Fachhistorikern zusammen.
Die Entscheidung im Pinzgau vom 29. August 2026 ist damit Teil eines breiteren Prozesses, der in Österreich und auch in Deutschland alpine Nomenklatur unter die Lupe nimmt. Ob und wann der nun namenlose Gipfel im Obersulzbachtal eine neue Bezeichnung erhält, ist derzeit offen.



