Kraftwerk Simmering: Seltene Einblicke hinter die Kulissen von Wiens größter Anlage

Der Sommer ist die einzige Zeit im Jahr, in der es in den riesigen Kesseln des Kraftwerks Simmering still ist. Normalerweise herrschen dort Temperaturen von bis zu 900 Grad Celsius — im August aber klettern Technikerinnen in die erkalteten Stahlbäuche, um Putz zu erneuern, Dichtungen zu prüfen und Aggregate zu warten. Österreichs größtes Kraftwerk steht derzeit still. Und genau das macht einen Besuch erst möglich.

Kraftwerksleiterin Michaela Killian führte ein Kamerateam von Heute durch die weitläufige Anlage im elften Wiener Gemeindebezirk — vorbei an markanten Schornsteinen, schweren Gasturbinen und der Biomasse-Entladegasse, die gerade serviciert wird. Was hinter den Absperrungen verborgen bleibt, wenn das Kraftwerk auf Hochtouren läuft, war an diesem Tag offen zu besichtigen.

Österreichs größtes Kraftwerk: Was in Simmering steckt

Das Kraftwerk Simmering ist eine der wichtigsten Energieanlagen des Landes. Es versorgt Wien nicht nur mit Strom, sondern speist auch das Fernwärmenetz der Stadt ein — eine Funktion, die spätestens ab Oktober wieder unverzichtbar wird. Die Anlage vereint mehrere Technologien unter einem Dach: eine Gasturbineneinheit, eine Dampfturbineneinheit sowie ein eigenes Biomassekraftwerk.

Die charakteristischen Schornsteine sind vom Stadtrand aus kilometerweit sichtbar und gelten als eines der markantesten Industriewahrzeichen Wiens. Im laufenden Betrieb sind weite Teile des Geländes für die Öffentlichkeit unzugänglich — der aktuelle Stillstand öffnete ausnahmsweise die Tore.

Stillstand im August: Warum das Kraftwerk jetzt gewartet wird

Die Sommerpause ist kein Zufall. Der Heizbedarf in Wien sinkt zwischen Juni und September auf ein Minimum, was ein kurzes Zeitfenster für umfangreiche Wartungsarbeiten schafft. Genau jetzt werden Bauteile geprüft, die unter Normalbetrieb schlicht nicht zugänglich sind — darunter jene Heizkessel, in denen die Temperaturen im Winter 900 °C erreichen.

Während des Besuchs zeigte sich, dass der abgeschaltete Kessel gerade neu verputzt wird. Eine Arbeit, die handwerkliches Geschick erfordert: Techniker steigen in den engen Innenraum hinab und erneuern die hitzebeständige Auskleidung von Hand. Ohne diesen Schritt würde die Anlage den nächsten Winterbetrieb nicht unbeschadet überstehen.

Gasturbine, Dampfturbine, Biomasse: Drei Anlagen in einer

Das Kraftwerk Simmering arbeitet mit einem mehrstufigen Prinzip. Die Gasturbine erzeugt in einem ersten Schritt Strom; die dabei entstehende Abwärme wird anschließend in der Dampfturbine weitergenutzt. Dieses sogenannte Gas-und-Dampf-Kombikraftwerk-Prinzip erhöht den Wirkungsgrad deutlich gegenüber einfacheren Anlagen.

Dazu kommt das Biomassekraftwerk als dritte Komponente. Verfahrenstechnikerin Katrin Hammerschlag, die für diesen Teil der Anlage zuständig ist, begleitet den laufenden Service an der Entladegasse — jenem Bereich, über den Holzschnitzel und andere biogene Brennstoffe in die Anlage eingespeist werden. Die Biomasse-Komponente macht das Kraftwerk Simmering zu einem wichtigen Baustein in Wiens Strategie, fossile Energieträger schrittweise zu reduzieren.

Was der Blick in den Kessel verrät: 900 Grad und Handarbeit

Der abgekühlte Kessel ist im Inneren überraschend weiträumig. Katrin Hammerschlag kletterte für die Reportage direkt hinein und demonstrierte, wie die Sanierungsarbeiten ablaufen. Im normalen Betrieb wäre das schlicht undenkbar — die Hitze würde jeden Aufenthalt unmöglich machen.

Der frische Putz muss vor dem nächsten Anfahren vollständig ausgehärtet sein. Die Zeitplanung ist daher eng: Die Heizperiode beginnt in Wien erfahrungsgemäß im Oktober, und das Kraftwerk muss rechtzeitig wieder hochgefahren werden, um die Fernwärmeversorgung der Stadt sicherzustellen.

Michaela Killian führt durch: Was eine Kraftwerksleiterin täglich managt

Kraftwerksleiterin Michaela Killian ist für den gesamten Betrieb der Anlage verantwortlich — von der Koordination der Wartungsteams über die Einhaltung behördlicher Auflagen bis hin zur Einsatzplanung für den Winter. Während des Stillstands läuft ihre Arbeit nicht langsamer, sondern anders: Statt Betriebssteuerung steht Baustellenmanagement im Vordergrund.

Für den Besuch öffnete sie Bereiche, die sonst streng abgesperrt sind. Dazu zählen:

  • Die Gasturbinenhalle mit der derzeit offenliegenden Maschineneinheit
  • Die Dampfturbinenanlage im benachbarten Gebäudetrakt
  • Die Biomasse-Entladegasse, an der Servicearbeiten laufen
  • Der geöffnete Heizkessel mit seiner charakteristischen Schamottauskleidung
  • Die Außenanlage mit Blick auf alle 11 Stockwerke hohen Schornsteine

Wann das Kraftwerk Simmering wieder anläuft

Ein konkreter Wiederinbetriebnahmetermin wurde bei dem Besuch nicht genannt. Der Sommer-Stillstand ist jedoch terminlich begrenzt: Spätestens wenn die Außentemperaturen in Wien dauerhaft unter 12 °C sinken, aktiviert die Wien Energie — als zuständiger Betreiber — die Fernwärmeerzeugung wieder. Erfahrungsgemäß geschieht das Mitte bis Ende Oktober.

Ob und welche Folgen die laufenden Umbauarbeiten für die Kapazität der Anlage im kommenden Winter haben werden, bleibt vorerst offen — Wien Energie hat sich dazu bislang nicht öffentlich geäußert.

Scroll to Top