Im Seniorenhaus Menda in Hartberg war am 18. August 2026 wenig vom gewöhnlichen Heimalltag zu spüren. Die Stoakoglerklänge hallten durch die Gänge, eine Torte stand bereit, und Gratulanten drängten sich im Zimmer einer Frau, die an diesem Tag ihren 110. Geburtstag feierte. Erika Strohrigel, geborene Steiererin aus Preßguts bei Weiz, ist nicht nur die älteste Frau Österreichs — sie ist die einzige noch lebende Person im Land, die im Jahr 1916 zur Welt gekommen ist.
Ihr Sohn Werner Klenner, selbst bereits 84 Jahre alt, saß neben ihr. Er kommt alle zwei Wochen nach Hartberg, und für jede dieser Minuten ist er nach eigener Aussage dankbar. Was dieses Leben zusammenhält — und was seine Mutter als Rezept für ein langes Dasein nennt — wirft eine Frage auf, die weit über das Jubeljahr hinausgeht.
110 Jahre: Österreichs einzige Überlebende des Jahrgangs 1916
Der Doppelrekord ist statistisch bemerkenswert. Strohrigel ist laut Angaben ihres Sohnes und Berichten der Kleinen Zeitung die älteste und zugleich letzte Person in Österreich, die noch den Ersten Weltkrieg als Neugeborene erlebt hat — auch wenn sie davon naturgemäß nichts weiß. Dass jemand dieses Alter erreicht, ist in Österreich äußerst selten: Laut Statistik Austria leben derzeit nur wenige Dutzend Menschen über 105 Jahre im Land.
Gefeiert wurde standesgemäß: mit Torte, einem Live-Konzert der Stoakoglergruppe und einem Gläschen Eierlikör. Bei letzterem zeigt sich Strohrigel mittlerweile maßvoller als früher. „Früher hat sie zwei, drei Gläser getrunken, heute nur noch eines”, berichtet Werner Klenner.
Ein bewegtes Leben: Von Preßguts über Wien bis nach Monaco
Strohrigel wurde als jüngstes von vier Kindern in Preßguts bei Weiz geboren. Mit 14 Jahren zog sie nach Wien, um Lehrerin zu werden — ein ungewöhnlicher Schritt für ein Mädchen aus der steirischen Provinz in den frühen 1930er-Jahren. Was folgte, war ein Leben voller Ortswechsel und Begegnungen.
Sie war zweimal verheiratet und bereiste Städte wie Amsterdam, Monaco und Rom. Aus der Hauptstadt des Vatikans kehrte sie mit einer charakteristischen Anekdote zurück: „Zum Papst, der ist aber nicht daheim gewesen”, erzählte sie mit einem Augenzwinkern. In den 1940er-Jahren kehrte Strohrigel schließlich nach Hartberg zurück, wo sie seither verwurzelt blieb.
Mit 100 ins Pflegeheim: Wie Strohrigel die letzten Jahre meistert
Mit hundert Jahren übersiedelte Erika Strohrigel wegen einer starken Sehschwäche ins Seniorenhaus Menda in Hartberg. Das Hören fällt ihr mittlerweile ebenfalls schwer, sie schläft viel und ist oft müde. Doch Sohn Klenner betont: „Ein bissl reden kann man mit ihr immer noch.”
Dass Strohrigel noch hier ist, hat auch mit ihrer Zähigkeit zu tun. Im vergangenen Jahr erlitt sie einen Oberschenkelhalsbruch — eine Verletzung, die für Hochbetagte lebensbedrohlich sein kann. Sie überstand ihn. Zu ihrem 109. Geburtstag hatte sie ihrem Sohn gesagt, er sei das schönste Geschenk ihres Lebens gewesen. Ein Jahr später lautet Klenners nüchternes Resümee: „110 Jahre sind 110 Jahre.”
Das Rezept: Eierlikör, Schlaf und Bewegung
Konkrete Geburtstagswünsche äußerte Strohrigel keine. Dafür kennt sie ihr Langlebigkeitsrezept genau — und es fällt denkbar bodenständig aus:
- Täglich ein Stamperl Eierlikör
- Viel Schlaf
- Regelmäßige Bewegung
Medizinische Studien zur Langlebigkeit, etwa jene des Instituts für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien, verweisen auf genetische Faktoren sowie einen stabilen sozialen Zusammenhalt als entscheidende Variablen. Strohrigels Fall vereint beides: eine robuste Konstitution und einen Sohn, der nicht aufgehört hat, sie zu besuchen.
Was Strohrigels Geburtstag über das Älterwerden in Österreich sagt
Dass Österreich überhaupt noch eine lebende Person des Jahrgangs 1916 hat, ist keine Selbstverständlichkeit. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag im Geburtsjahr Strohrigels für Frauen in Österreich bei etwa 57 Jahren — sie hat diesen Wert nahezu verdoppelt. Das österreichische Sozialministerium erfasst Hochaltrige über 100 Jahre im Rahmen regelmäßiger Bevölkerungserhebungen; die genaue Zahl der Centenarians wird jährlich aktualisiert.
Strohrigels Geschichte ist dabei mehr als eine statistische Kuriosität. Sie erinnert daran, dass hinter jedem Rekordwert ein konkretes Leben steht — mit Krieg, Reisen, zwei Ehen, einem Oberschenkelhalsbruch und einer konstanten Vorliebe für steirischen Eierlikör.
Was nach dem Jubiläum kommt
Im Seniorenhaus Menda in Hartberg kehrt nach dem Festtag der gewohnte Rhythmus zurück. Werner Klenner wird in zwei Wochen wieder vor der Tür seiner Mutter stehen, so wie er es seit Jahren tut — und ob Erika Strohrigel dann noch einen elften Geburtstag mit drei Nullen erlebt, bleibt eine offene, stille Frage über dem steirischen Sommer.



