In den Labors von Eli Lilly in Indianapolis werden gerade Zahlen ausgewertet, die in der Pharmawelt für Aufregung sorgen. Klinische Studiendaten zeigen, dass übergewichtige Patienten mit dem experimentellen Wirkstoff Retatrutide im Schnitt mehr als 28 Prozent ihres Körpergewichts verloren — über einen Zeitraum von 80 Wochen. Ergebnisse in dieser Größenordnung kannte man bislang nur aus dem Operationssaal.
Was bisher allein bariatrischen Eingriffen wie der Magenverkleinerung vorbehalten schien, könnte bald durch eine wöchentliche Spritze erreichbar sein. Das US-Magazin Time berichtete Ende September 2026 über die Veröffentlichung zweier Phase-III-Studien, die Eli Lilly zu Retatrutide vorgelegt hat. Der Druck auf die Konkurrenzprodukte Ozempic und Wegovy von Novo Nordisk dürfte damit erheblich steigen — doch bis zur Marktreife ist noch ein langer Weg.
Was Retatrutide ist und was die Studien konkret zeigen
Retatrutide ist ein experimenteller Wirkstoff von Eli Lilly, der sich derzeit in zulassungsrelevanten Phase-III-Studien befindet. In diesen Studien nahmen übergewichtige Menschen teil — sowohl mit als auch ohne Diabetes. Das Ergebnis: Im Schnitt verloren die Teilnehmer über 80 Wochen hinweg mehr als 28 Prozent ihres Ausgangsgewichts.
Zum Vergleich: In der Placebo-Gruppe erreichten nur rund 3 Prozent der Teilnehmer diesen Wert. Mindestens ein Viertel der Retatrutide-Gruppe schaffte eine Gewichtsreduktion von 25 Prozent oder mehr. Solche Zahlen sind in der medikamentösen Adipositastherapie bisher beispiellos.
Drei Rezeptoren statt einem: Wie Retatrutide im Körper wirkt
Der entscheidende Unterschied zu bisherigen Abnehmspritzen liegt in der sogenannten Triple-Targeting-Strategie. Während Ozempic und Wegovy — beide von Novo Nordisk mit dem Wirkstoff Semaglutid — ausschließlich den GLP-1-Rezeptor ansprechen, zielt Retatrutide auf gleich drei Rezeptoren ab: GLP-1, GIP und Glucagon.
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GLP-1 und GIP sind bereits aus anderen Medikamenten bekannt. Eli Lillys eigene Präparate Mounjaro und Zepbound kombinieren diese beiden bereits. Retatrutide geht einen Schritt weiter und aktiviert zusätzlich den Glucagon-Rezeptor, der den Stoffwechsel ankurbelt. Die Kombination aller drei Signalwege drosselt den Appetit, verstärkt das Sättigungsgefühl und erhöht den Energieverbrauch gleichzeitig — was die deutlich stärkere Wirkung erklären könnte.
Doppelt so viel Gewichtsverlust wie bei Ozempic — aber mit Einschränkung
Ein direkter Vergleich zwischen Retatrutide und den Semaglutid-Produkten ist derzeit noch nicht möglich, weil eine entsprechende Vergleichsstudie zwar läuft, aber noch nicht veröffentlicht ist. Außerdem hängt der erzielte Gewichtsverlust auch von der verabreichten Dosis ab. Trotzdem deuten die vorliegenden Daten stark darauf hin, dass Retatrutide einen bis zu doppelt so hohen Gewichtsverlust ermöglicht wie Semaglutid-Medikamente.
Damit rückt das Präparat in Bereiche vor, die bislang nur durch chirurgische Eingriffe erreichbar waren. Eine Magenverkleinerung oder ein Magenbypass gelten nach wie vor als effektivste Methoden bei starkem Übergewicht — der Unterschied ist jedoch: Eine Operation ist einmalig, während das Medikament dauerhaft eingenommen werden muss.
Nebenwirkungen und zusätzliche Wirkungen, die auffallen
Das Nebenwirkungsprofil von Retatrutide ähnelt jenem anderer GLP-1-Medikamente. Am häufigsten traten folgende Beschwerden auf:
- Übelkeit und Erbrechen
- Durchfall und Bauchkrämpfe
- vorübergehende Appetitlosigkeit in der Anfangsphase
Die Symptome sind bei den meisten Patienten vorübergehend und klingen im Verlauf der Behandlung ab. Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden in den Studien nicht häufiger festgestellt als in der Placebo-Gruppe.
Bemerkenswert sind zudem Begleiteffekte, die in den Studien auffielen: Teilnehmer mit Kniearthrose berichteten über weniger Schmerzen, Menschen mit obstruktiver Schlafapnoe hatten messbar weniger Atemaussetzer pro Nacht. Diese Zusatzeffekte könnten das Medikament für bestimmte Patientengruppen besonders relevant machen.
Wann Retatrutide in Europa erhältlich sein könnte — und was es kosten wird
Eli Lilly plant, Anfang 2027 einen Zulassungsantrag bei der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA einzureichen. Eine Marktzulassung in den USA könnte danach zeitnah folgen. Für Europa ist ein separates Verfahren bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) notwendig — erfahrungsgemäß dauert es nach einer US-Zulassung noch einmal mehrere Monate bis Jahre, bis ein Medikament auch in Österreich oder Deutschland verfügbar ist.
Zum Preis hat sich Eli Lilly bislang nicht geäußert. Angesichts der Kosten für Ozempic und Wegovy — in Österreich liegen diese bei mehreren hundert Euro pro Monat, wenn keine Kassenerstattung greift — dürfte Retatrutide keine günstige Option werden. Dauerhafter Einsatz bedeutet dauerhafter Kostenaufwand, zumal das Gewicht nach dem Absetzen erfahrungsgemäß zurückkehrt: Studien zu anderen GLP-1-Medikamenten zeigen eine durchschnittliche Wiederzunahme von rund 0,4 Kilogramm pro Monat nach Therapieende.
Für wen das Medikament infrage kommt — und was nach dem Absetzen passiert
Grundsätzlich richten sich GLP-1-Medikamente an Menschen mit starkem Übergewicht (Adipositas) oder an Diabetiker, bei denen andere Maßnahmen nicht ausreichend angesprochen haben. Sie ersetzen keine gesunde Ernährung und keine Bewegung, sondern unterstützen diese. Die Anwendung erfolgt als wöchentliche Injektion unter die Haut — vergleichbar mit einem Insulin-Pen, den Patienten nach einer Einschulung selbst verwenden können. Die Dosierung wird individuell vom Arzt festgelegt und schrittweise gesteigert.
Ob und wann die EMA Retatrutide für den europäischen Markt bewertet, hängt maßgeblich davon ab, wann Eli Lilly einen entsprechenden Antrag einreicht — und wie die laufende Vergleichsstudie gegenüber Semaglutid ausfällt.
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