E-Oldtimer Wien: Wie Kurt Gratt die Sicherheitskritik mit 30.000 € pro Fahrzeug entkräftet

Ein kleines, elektrisch betriebenes Fahrzeug im Retrodesign biegt um die Ringstraße, acht Fahrgäste an Bord, Nummerntafel gut sichtbar angebracht. Für Tausende Wien-Besucher ist so eine Panoramafahrt mit einem E-Oldtimer längst fester Bestandteil eines Städtetrips geworden — quirlig, lautlos, unverkennbar.

Doch ausgerechnet dieser Boom hat eine handfeste Debatte ausgelöst. Die Wiener Fachgruppe der Autobusunternehmen warnte zuletzt öffentlich vor Sicherheitsmängeln und sprach sogar von “Lebensgefahr”. Jetzt meldet sich einer der ältesten Betreiber der Branche zu Wort — und seine Antworten sind konkreter, als die Kritiker erwartet haben dürften.

Kurt Gratt betreibt seine E-Oldtimer seit 2017 in Wien

Kurt Gratt ist kein Neueinsteiger. Seit 2017 bietet er mit seiner E-Oldtimer Panoramafahrt Stadtrundfahrten der besonderen Art durch die Wiener Innenstadt an. Derzeit sind neun seiner Fahrzeuge täglich im Einsatz, ein zehntes soll in Kürze dazustoßen.

Gratt betont von Anfang an, dass er nicht für andere Betreiber spreche. Was seinen eigenen Fuhrpark betrifft, legt er aber klare Zahlen auf den Tisch. Und die lassen wenig Spielraum für Interpretationen.

“30.000 Euro pro Wagerl” — warum Versicherung für Gratt selbstverständlich ist

Der Kern der Kritik richtet sich unter anderem gegen fehlende oder unzureichende Versicherungen bei E-Oldtimern. Fahrzeuge mit einer Bauartgeschwindigkeit von maximal 10 km/h unterliegen in Österreich zahlreichen gesetzlichen Ausnahmen, darunter auch bei der Versicherungspflicht.

Gratt lässt dieses Argument nicht gelten — zumindest nicht für seinen Betrieb. “So ein Wagerl kostet 30.000 Euro. Na sicher ist es versichert!”, sagte er im Heute-Talk. Sämtliche seiner Fahrzeuge sind haftpflichtversichert, zusätzlich hat Gratt eine Insassenversicherung abgeschlossen. Sollte es doch einmal zu einem Zwischenfall kommen, sei die Absicherung der Fahrgäste für ihn keine Option, sondern Pflicht.

Führerscheinpflicht und Fahrgastzahl: Wo Gratt über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgeht

Die gesetzliche Lage ist eindeutig: Für Fahrzeuge dieser Kategorie ist in Österreich theoretisch kein Führerschein erforderlich. Gratt hält sich nicht daran — freiwillig und ohne Ausnahme.

“Jeder hat einen Führerschein bei mir, ist doch klar. Wenn ich sehen würde, dass jemand besoffen am Steuer sitzt, würde ich selbst die Polizei rufen”, stellte der Unternehmer klar. Was die Belegung der Fahrzeuge betrifft, setzt er ebenfalls auf Selbstbeschränkung:

  • Maximal 8 Fahrgäste pro Fahrzeug — nicht die theoretisch möglichen 10
  • Bei größeren Gruppen empfiehlt Gratt ausdrücklich ein zweites Fahrzeug mit Sonderpreis
  • Alle Fahrzeuge tragen Nummerntafeln zur eindeutigen Identifizierbarkeit
  • Führerscheinpflicht für alle Fahrer, obwohl gesetzlich nicht vorgeschrieben
  • Haftpflicht- und Insassenversicherung für den gesamten Fuhrpark

“Bei mir werden’s niemals zehn Leute in einem Wagerl sehen. Ich will Qualität haben”, so Gratt. Sein Selbstverständnis ist dabei ein anderes als das klassischer Stadtführer: “Wir sind keine Reiseleiter, sondern Entertainer.”

Seit 2017 kein einziger Verkehrsunfall mit Verletzten

Die naheliegendste Frage bei einer Sicherheitsdebatte lautet: Gab es überhaupt schon Zwischenfälle? Gratts Antwort ist unmissverständlich. “Verkehrsunfälle hat es bis jetzt noch nicht gegeben, Verletzte gab es bis dato noch nie”, sagte er. Das entspricht einem unfallfreien Betrieb über einen Zeitraum von knapp neun Jahren.

Ob andere Betreiber ähnliche Bilanzen vorweisen können, bleibt offen. Gratt selbst hält sich mit Urteilen über die Konkurrenz zurück — er kommentiert ausschließlich das, was in seinem eigenen Betrieb gilt.

Vom polnischen Kutschenbauer zur chinesischen Serienproduktion

Ein Detail, das in der öffentlichen Debatte kaum Beachtung findet: Die E-Oldtimer stammen nicht alle aus derselben Quelle. Gratts erstes Fahrzeug ließ er bei einem Kutschenbauer in Polen in aufwendiger Handarbeit anfertigen. Mittlerweile befinden sich auch Modelle aus chinesischer Produktion in seinem Fuhrpark.

Technisch seien die chinesischen Modelle teils überlegen, optisch können sie für Gratt aber nicht mithalten. “Ich bin ein Ästhet, das muss alles so sein, wie es mir gefällt”, schmunzelte der gebürtige Wiener. Der Unterschied zwischen den beiden Produktionslinien ist für Fahrgäste sichtbar — und für Gratt ein Qualitätsmerkmal, das er bewusst pflegt.

Die Branchendebatte ist damit noch nicht beendet

Die Wiener Fachgruppe der Autobusunternehmen hat ihre Bedenken öffentlich deponiert und ortet nach wie vor eine Gesetzeslücke, die Sicherheitsrisiken für Fahrgäste und andere Verkehrsteilnehmer ermögliche. Gratts Aussagen belegen, dass einzelne Betreiber bereits heute deutlich strengere Standards anwenden als gesetzlich gefordert.

Offen bleibt, ob und wann der österreichische Gesetzgeber verbindliche Mindeststandards für diese Fahrzeugkategorie festlegen wird — und ob freiwillige Branchenlösungen als Übergangsmodell ausreichen, bis eine Regelung kommt.

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