Marco Pfiffner fuhr im vergangenen Winter seine letzte Weltcup-Abfahrt — er wusste es damals noch nicht mit Sicherheit, aber die Entscheidung reifte längst. Mit 32 Jahren hat der Speed-Spezialist aus Liechtenstein seine Karriere nun offiziell beendet. Der Auslöser war so nüchtern wie bitter: Er war aus dem Kader gestrichen worden und hätte die Kosten für eine weitere Weltcup-Saison vollständig aus eigener Tasche finanzieren müssen.
Seitdem hängt das gesamte Weltcup-Schicksal eines Landes an einer einzigen Frau. Charlotte Lingg, Technikspezialistin und letzte verbleibende Kandidatin bei den Damen, kämpft selbst mit den Folgen einer Verletzung. Sollte auch sie im Winter 2026/27 nicht antreten können, wäre Liechtenstein erstmals seit Einführung des alpinen Ski-Weltcups im Jahr 1967 komplett ohne Starter — eine Zäsur, die in der Geschichte des kleinen Fürstentums keine Entsprechung hat.
Pfiffners Rücktritt macht das Szenario erst möglich
Seit der Gründung des alpinen Ski-Weltcups vor 59 Jahren war Liechtenstein in jedem einzelnen Winter vertreten. Das klingt bei einer Nation mit knapp 40.000 Einwohnern bemerkenswert — und ist es auch. Doch der Rücktritt Pfiffners hat die letzte Absicherung auf der Männerseite beseitigt. Bei den Herren ist die Lücke damit bereits Tatsache, keine Befürchtung mehr.
Pfiffner schied nicht im Streit, sondern unter dem Druck nackter Zahlen. Ohne Verbandsförderung ist eine Weltcup-Teilnahme schlicht nicht zu stemmen — die Reisekosten, Trainingsinfrastruktur und Betreuung auf diesem Niveau übersteigen bei Weitem das, was ein Einzelsportler privat aufbringen kann.
Alles hängt an Charlotte Lingg — und ihrer Verletzung
Lingg ist die einzige Person, die den historischen Ausfall noch verhindern kann. Die Technikspezialistin musste zuletzt verletzungsbedingt pausieren; über Art und Schwere der Blessur sowie den genauen Zeitplan für ihre Rückkehr ist öffentlich nichts Genaueres bekannt. Fest steht: Kann sie zu Saisonbeginn nicht starten, gibt es niemanden mehr, der für Liechtenstein einspringen könnte.
Damit hängt die Weltcup-Kontinuität eines ganzen Landes an einem medizinischen Befund und einem Trainingsplan. Selten war die Ausgangslage so konkret — und so fragil.
Hanni Wenzel, Andreas Wenzel, Marco Büchel: Was Liechtenstein einst war
Um zu verstehen, was auf dem Spiel steht, lohnt ein Blick zurück. Liechtenstein war im alpinen Skisport nie ein Statist. Die erfolgreichste Ära wurde von Hanni Wenzel geprägt, die zu den bedeutendsten Skirennläuferinnen der Geschichte zählt. Ihr Bruder Andreas Wenzel stand ihr an Können kaum nach. Später hielt Marco Büchel die Fahne über viele Jahre hoch, ehe Tina Weirather die Tradition in die jüngere Vergangenheit verlängerte.
Diese Namen stehen für Siege, Kristallkugeln und Olympiamedaillen — erzielt von einem Land, das kleiner ist als mancher Wiener Gemeindebezirk. Der mögliche Weltcup-Ausfall im Winter 2026/27 wäre nicht nur eine Fußnote, sondern das Ende einer ununterbrochenen Linie, die fast sechs Jahrzehnte zurückreicht.
Was ein historisches Aus konkret bedeuten würde
Die Konsequenzen wären vor allem symbolischer, aber deshalb nicht weniger realer Natur. Liechtenstein gehört zu den wenigen Nicht-Großmächten, die im Weltcup seit dessen Gründung durchgehend präsent waren. Ein Ausfall würde diese Kontinuität unwiderruflich brechen. Ein späterer Wiedereinstieg könnte die Lücke statistisch nicht schließen.
- Weltcup-Saison 1967: erste Austragung, Liechtenstein von Beginn an vertreten
- Jahrzehnte der Präsenz: unter anderem durch Hanni Wenzel, Andreas Wenzel, Marco Büchel und Tina Weirather
- Männerseite 2026/27: nach Pfiffners Rücktritt bereits ohne Starter
- Frauenseite 2026/27: einzig Charlotte Lingg als potenzielle Starterin — Einsatz verletzungsbedingt ungewiss
- Folge eines Ausfalls: erstmalige Unterbrechung einer 59-jährigen Weltcup-Präsenz
Wie es jetzt weitergeht — und was offen bleibt
Der Zeitplan für Linggs Rückkehr ins Training und in den Wettkampfbetrieb ist der entscheidende Faktor. Ob der Liechtensteiner Skiverband strukturelle Maßnahmen plant, um die Nachwuchsförderung zu intensivieren oder finanzielle Rahmenbedingungen für zukünftige Athleten zu verbessern, ist derzeit nicht öffentlich kommuniziert worden.
Die Weltcup-Saison 2026/27 beginnt traditionsgemäß im Oktober mit den ersten Trainingseinheiten und im November mit den ersten Rennen — bis dahin bleibt wenig Zeit, um Gewissheit zu erlangen.



