AK-Nachhilfe-Barometer: Warum 338.000 Kinder in Österreich für €720 im Jahr privat lernen müssen

720 Euro pro Kind und Jahr — so viel geben österreichische Eltern im Schnitt für bezahlte Nachhilfe aus. Zusammengerechnet fließen österreichweit 144 Millionen Euro jährlich in privaten Förderunterricht. Die Summe klingt abstrakt, bis man sich vorstellt, dass ein erheblicher Teil davon für Stoff bezahlt wird, der eigentlich längst in der Schule hätte vermittelt werden sollen.

Genau das belegt der neue “Nachhilfebarometer” der Arbeiterkammer (AK), für den zwischen März und Mai 2026 insgesamt 3.208 Elternteile mit 4.728 Schulkindern telefonisch und online befragt wurden. Das Ergebnis ist ein vernichtendes Zeugnis für das österreichische Schulsystem — und stellt der Bildungspolitik gleich mehrere unangenehme Fragen.

338.000 Schüler brauchen Nachhilfe: Der Befund der Arbeiterkammer

Laut AK-Barometer erhalten derzeit 338.000 Kinder und Jugendliche in Österreich Nachhilfe. Das entspricht 32 Prozent aller Schülerinnen und Schüler — also nahezu jedes dritte Kind. Zum Vergleich: Im Jahr 2016 lag die Nachhilfe-Quote quer über alle Schulstufen bei gerade einmal 19 Prozent.

Besonders auffällig ist die Entwicklung in der Volksschule. Während 2016 nur sieben Prozent der Volksschulkinder private Unterstützung benötigten, ist dieser Anteil auf inzwischen 23 Prozent — also fast jedes vierte Kind — gestiegen. Private Lernunterstützung beginnt damit für viele österreichische Kinder schon in der ersten Schulstufe.

Jedes vierte Volksschulkind braucht Nachhilfe — und das Schulsystem trägt Mitschuld

Die Arbeiterkammer macht für diesen Trend das Schulsystem selbst mitverantwortlich. Laut Barometer führen Eltern 28 Prozent der bezahlten Nachhilfefälle direkt auf Defizite im Unterricht zurück — entweder weil der Stoff nicht ausreichend vermittelt wurde oder weil Unterricht ersatzlos ausgefallen ist. Rund 40 Millionen Euro der gesamten privaten Nachhilfeausgaben fließen damit laut AK in Förderung, die eigentlich im Klassenzimmer stattfinden müsste.

Der Befund der Kammer ist eindeutig: Je weniger individuelle Förderung Kinder in der Schule erhalten, je stärker Eltern den Unterricht als rein noten- und prüfungsorientiert wahrnehmen und je weniger der Stoff auf den tatsächlichen Wissensstand der Schülerinnen und Schüler eingeht, desto häufiger wird private Nachhilfe notwendig.

“Nachhilfe ist für viele Familien notwendig, damit ihre Kinder in der Schule mitkommen. Wenn Kinder schon in der Volksschule auf private Unterstützung angewiesen sind, zeigt das: Der Unterricht holt Kinder nicht dort ab, wo sie stehen, und bietet zu wenig wirksame Unterstützung. Damit verlagert sich eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe auf die Schultern der Eltern”, sagt Elke Larcher, Bildungsexpertin der Arbeiterkammer.

Bildungschancen hängen vom Bankkonto ab — nicht nur von den Fähigkeiten des Kindes

Das Barometer legt auch offen, wie tief die soziale Schieflage im österreichischen Bildungssystem sitzt. Nur 19 Prozent der befragten Eltern glauben, dass allein die Fähigkeiten ihres Kindes über dessen Bildungserfolg entscheiden. Drei von fünf sehen das Einkommen der Eltern als entscheidenden Faktor — ein Fünftel hält es sogar für wichtiger als die Begabung des Kindes selbst.

Nachhilfelehrer verlangen in Österreich inzwischen bis zu 66 Euro pro Stunde. Wer sich das nicht leisten kann, ist schlicht ausgeschlossen — unabhängig davon, wie lernwillig das Kind ist.

Die fünf Forderungen der Arbeiterkammer an die Bildungspolitik

Die AK hat aus dem Barometer einen konkreten Forderungskatalog abgeleitet. Die fünf Punkte im Überblick:

  • Treffsichere Investitionen: Für den von der Regierung angekündigten Chancenbonus seien laut AK-Berechnungen mittelfristig 440 Millionen Euro nötig — statt der geplanten 65 Millionen Euro.
  • Ausbau ganztägiger Bildungsangebote: Beitragsfreie Ganztagsschulen würden Eltern vom aufwendigen Lernen zuhause und von teurer Nachhilfe entlasten.
  • Bessere Unterrichtsqualität: Die veraltete “Leistungsbeurteilungsverordnung” orientiere sich zu stark an punktuellen Wissensabfragen; gefordert werden mehr begleitendes Feedback und Lernentwicklungsgespräche.
  • Senkung der Schulkosten: Kosten für Materialien, Ausflüge und Exkursionen dürften Familien finanziell nicht zusätzlich belasten.
  • Entlastung armutsgefährdeter Familien: Konkret fordert die AK eine Anhebung des Arbeitslosengeldes und der Sozialhilfe sowie eine Unterhaltsgarantie für Alleinerzieherinnen.

AK-Bereichsleiterin Erdost: “Bildung darf nicht vom Bankkonto der Eltern abhängen”

Ilkim Erdost, Bereichsleiterin Bildung der Arbeiterkammer, formuliert die politische Kernbotschaft des Barometers unmissverständlich: “Die Verantwortung liegt bei der Politik: Sie muss die Schulen so ausstatten, dass Bildung nicht vom Einsatz der Eltern oder von deren Bankkonto abhängt.”

Ob und wie die Bundesregierung auf die Forderungen reagiert — insbesondere auf die massive Differenz beim Chancenbonus zwischen den geplanten 65 und den geforderten 440 Millionen Euro —, bleibt vorerst offen.

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