Um 8.37 Uhr Ortszeit am Mittwochmorgen registrierten Seismographen im nepalesischen Hochgebirge ein ungewöhnliches Signal. Es war kein Erdbeben. Was die Instrumente aufzeichneten, war der Aufprall von rund 30 Millionen Kubikmeter Eis, Gestein und Schutt, die sich an der Nordwand des 7.245 Meter hohen Langtang Lirung gelöst und rund einen Kilometer in die Tiefe gestürzt hatten.
Die Sturzflut, die daraus entstand, fegte innerhalb von Sekunden durch das Bhotekoshi-Tal, verschluckte den Grenzübergang Gyirong / Rasuwagadi und tötete bis Donnerstagabend mehr als 350 Menschen. Mindestens 1.500 weitere galten zu diesem Zeitpunkt noch als vermisst. Jetzt arbeiten Wissenschaftler aus mehreren Ländern daran, den genauen Ablauf dieser Katastrophe zu rekonstruieren — und was sie bisher herausgefunden haben, ist erschütternd.
Der Gletscherkollaps am Langtang Lirung: Was die Satellitenbilder zeigen
Erste Überfliegungen und Satellitenaufnahmen liefern ein immer klareres Bild. „Erste Befliegungen und Satellitenbilder zeigen, dass offenbar eine Gletscherzunge kollabiert ist”, sagte Martin Mergili, Spezialist für hochalpine Erd- und Bergrutsche an der Universität Graz, gegenüber dem Wiener Standard. Mergili lehrt derzeit am Institut zur Erforschung des Tibet-Plateaus der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und verfolgt die Auswertung der Daten aus nächster Nähe.
Der betroffene Gletscher liegt zwischen dem Langtang Lirung und dem benachbarten Tsangbu Ri auf etwa 5.200 Metern Seehöhe. Ob die Eismassen von selbst brachen oder durch einen vorausgegangenen Felssturz destabilisiert wurden, ist noch nicht abschließend geklärt. Klar ist: Was danach passierte, war eine katastrophale Kettenreaktion.
30 Millionen Kubikmeter — dreimal mehr als in Blatten
Die schiere Menge des abgebrochenen Materials macht das Ausmaß dieser Katastrophe greifbar. Zum Vergleich: Beim Bergsturz im Schweizer Blatten, der 2025 für Schlagzeilen sorgte, lösten sich rund 10 Millionen Kubikmeter. In Nepal war es dreimal so viel. Dieses Material verwandelte sich beim Sturz in die Tiefe in ein hochenergetisches Gemisch.
„Dieses Material hat sich dann in ein energiereiches Gemisch aus Eis, Schutt und Wasser verwandelt, das mit hoher Geschwindigkeit — 100 Kilometer pro Stunde und mehr — talabwärts gerast ist”, erläuterte Mergili. Experten des Wetterdienstes Backpirch Weather kamen zum gleichen Befund: Ein hunderte Meter breiter Teil des Gletschers war abgebrochen, der Aufprall auf den Talboden hatte gewaltige Folgen.
Der Atombomben-Vergleich: Was 6,3 Prozent der Hiroshima-Explosion bedeuten
Die Wucht des Aufpralls, den die Experten von Backpirch Weather berechneten, entspricht nach deren Angaben 6,3 Prozent der Energie der Hiroshima-Atombombe. Diese Zahl klingt nach einer relativen Kleinigkeit — ist sie aber nicht. Selbst dieser Bruchteil reichte aus, um den riesigen Eisbrocken beim Aufprall vollständig zu pulverisieren und eine Flutwelle von über 30 Metern Höhe auszulösen.
Diese Welle aus Gletscherwasser, Geröll und Schlamm strömte in den nahegelegenen Trishuli-Fluss. Nepals extrem steiles und zerklüftetes Gelände wirkte dabei wie ein Trichter: Es kanalisierte die Flutwelle und verstärkte ihre Zerstörungskraft für die flussabwärts gelegenen Gemeinden ins Extreme. Was in der Höhe als Gletscherbruch begann, erreichte die Täler als tödliche Wand aus Wasser und Geröll.
Kein Erdbeben als Auslöser — was die Seismographen wirklich aufzeichneten
Die ersten Meldungen nach der Katastrophe spekulierten über ein Erdbeben als mögliche Ursache. Diese Einschätzung wurde inzwischen revidiert. Das Signal um 8.37 Uhr Ortszeit hatte eine andere Signatur. „Weitere Analysen der langperiodischen seismischen Wellen deuten darauf hin, dass die seismische Energie vielmehr durch einen Gletschereinsturz und einen Murgang erzeugt wurde”, schreiben die Experten des United States Geological Survey (USGS) in ihrer Auswertung. Martin Mergili von der Universität Graz bestätigt diese Einschätzung.
Woher die enormen Wassermassen stammen, die die Flutwelle zusätzlich gespeist haben, ist noch Gegenstand laufender Untersuchungen. Einen Gletscherrandsee — der bei ähnlichen Ereignissen häufig eine entscheidende Rolle spielt — soll es in diesem Fall nicht gegeben haben. Dan Shugar von der Universität Calgary erklärte gegenüber dem Spiegel, dass Eismassen beim Sturz aus großer Höhe zwar schnell zu flüssigem Wasser werden könnten, die Wassermenge im konkreten Fall dadurch aber nicht vollständig zu erklären sei.
Wenige Sekunden: Der Grenzübergang Gyirong verschwindet von der Karte
Was abstrakte Zahlen und Energievergleiche nur unzureichend beschreiben können, hielt eine Überwachungskamera am Grenzübergang Gyirong / Rasuwagadi fest. Die Anlage befand sich nur wenige Kilometer talabwärts vom Ausgangspunkt des Gletscherbruchs. Die Aufnahmen von der chinesischen Seite dokumentieren in erschütternder Klarheit, wie Gebäude, Fahrzeuge und Menschen innerhalb von Sekunden von der Flutwelle verschluckt werden.
Die Ereigniskette lässt sich damit wie folgt zusammenfassen:
- Gletscherzunge am Langtang Lirung (ca. 5.200 m Seehöhe) bricht ab
- Rund 30 Millionen Kubikmeter Material stürzen etwa einen Kilometer in die Tiefe
- Der Aufprall erzeugt eine Energie von 6,3 Prozent der Hiroshima-Atombombe
- Eine über 30 Meter hohe Flutwelle aus Eis, Schlamm und Geröll setzt sich in Bewegung
- Die Welle erreicht den Trishuli-Fluss und wird durch das steile Gelände kanalisiert
- Der Grenzübergang Gyirong / Rasuwagadi wird innerhalb von Sekunden vollständig zerstört
- Bis Donnerstagabend: mehr als 350 Tote, mindestens 1.500 Vermisste
Was bleibt ungeklärt — und welche Fragen die Forscher jetzt beschäftigen
Die Untersuchungen sind in vollem Gang, doch zentrale Fragen bleiben offen. Der genaue Auslöser des Gletscherkollapses — spontaner Eisbruch oder vorheriger Felssturz — ist noch nicht gesichert. Ebenso unklar ist die Herkunft der Wassermassen, die die Flutwelle auf ihr katastrophales Volumen anschwellen ließen.
Für die Region ist das keine akademische Frage. Das Bhotekoshi-Tal liegt in einer Zone, in der der Klimawandel Gletscher destabilisiert und Gletscherrandseen entstehen lässt — beides gilt als wachsendes Risiko für die Bevölkerung in den nepalesischen Hochtälern. Ob und welche Frühwarnsysteme hätten anschlagen können, wird die Katastrophenschutzbehörden in Kathmandu noch lange beschäftigen.



